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Ohne Schuld - Kriminalroman - Der Bestseller jetzt als Taschenbuch!

Ohne Schuld - Kriminalroman - Der Bestseller jetzt als Taschenbuch!

von: Charlotte Link

Blanvalet, 2020

ISBN: 9783641263140 , 560 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 9,99 EUR

Exemplaranzahl:


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Ohne Schuld - Kriminalroman - Der Bestseller jetzt als Taschenbuch!


 

Freitag, 19. Juli 2019


Die Mieterin eines der Ferienappartements hatte die Polizei verständigt.

»Hier im Haus wird geschossen. Ich glaube, es war in der Wohnung nebenan. Bitte kommen Sie ganz schnell!«

Unmittelbar nach dem Telefonat war ein weiterer Schuss gefallen, wie andere Hausbewohner den eintreffenden Streifenbeamten mitteilten. Die Wohnung in dem Appartementhaus direkt am Strand der Nordbucht von Scarborough, in der geschossen wurde, war von einem Mr. Jayden White für zwei Wochen gemietet worden.

Alle Feriengäste im Haus wurden von den Beamten nach draußen gebracht, ebenso wurden Läden und Cafés im Erdgeschoss des Gebäudekomplexes geräumt, die Promenade oberhalb des Strandes sowie der vor dem Haus befindliche Strandabschnitt weiträumig gesperrt. Da der Tag heiß war und außerdem die Ferien begonnen hatten, wimmelte es von Badegästen, obwohl es erst elf Uhr am Vormittag war. Es war schnell alles getan worden, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, dennoch war ein bewaffneter und möglicherweise zu allem entschlossener Mann inmitten eines Ferien- und Strandgebietes ein Alptraum für jeden Polizisten. Vorsichtshalber wurde der CID, die Kriminalabteilung, verständigt. Niemand wusste, welchen Verlauf diese Geschichte noch nehmen würde. Niemand wollte später eines Versäumnisses schuldig sein.

Detective Chief Inspector Caleb Hale traf gemeinsam mit seinem engsten Mitarbeiter ein, Robert Stewart, der erst zwei Wochen zuvor zum Detective Inspector befördert worden war und seitdem eine stolzgeschwellte Attitüde zur Schau trug. Caleb fand, dass er seit dem Karrieresprung plötzlich arroganter auftrat als vorher, aber manch anderer hätte vielleicht gesagt: selbstbewusster. Caleb hatte jedenfalls den Eindruck, dass sich irgendetwas zwischen ihnen beiden geändert hatte, geringfügig und schwer in Worte zu fassen. Irgendwann in den nächsten Tagen wollte er mit Robert darüber reden.

Jetzt war allerdings ein absolut ungeeigneter Moment.

Er starrte an der Hauswand hinauf. Die Anlage bestand aus zwei großen Gebäuden, wovon das erste halb rund gebaut war. Es gab dort Ferienappartements in den verschiedensten Größen und Ausführungen zu mieten, ein Zimmer, Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnungen, Meeresblick oder auch die preiswertere Variante zur Rückseite hin. Balkon reihte sich an Balkon. Von der Vorderseite aus hatte man den direkten Blick auf das Meer und auf Scarborough Castle, das stolz auf der Landzunge thronte, die die Stadt in eine Süd- und in eine Nordbucht teilte. Allerdings saß man direkt über einer Vielzahl an Läden, Cafés, einem Diner, einem Eissalon. Und über der wogenden Menge an Badegästen. Zumindest im Sommer. Im Winter war es hier gähnend leer.

Einer der Streifenbeamten, der ganz zu Anfang am Ort des Geschehens gewesen war, stand neben Caleb und Robert und erstattete Bericht.

»Die Schüsse sind nach übereinstimmenden Zeugenaussagen in einer Wohnung im dritten Stock gefallen. Es ist die Wohnung, die wir von hier direkt sehen können, über dem Fish ’n’ Chips gelegen.« Er wies nach oben.

Caleb folgte seinem ausgestreckten Finger. Eine Wohnung wie jede andere, ein Balkon wie jeder andere. Allerdings waren an den Fenstern die Jalousien hinuntergelassen worden. Nichts regte sich. Auf dem Balkon befand sich niemand. Caleb kniff die Augen zusammen. Nur ein Tisch und drei Stühle.

»Der Mieter des Ferienappartements heißt Jayden White«, führte der Beamte weiter aus. »Er verbringt dort zwei Wochen mit seiner Frau Yasmin und zwei kleinen Töchtern. Wie alt die Kinder genau sind, wusste der Vermieter nicht zu sagen. Er schätzt sie auf sechs und sieben Jahre.«

»Die Familie ist zum ersten Mal hier?«, erkundigte sich Caleb.

»Nein. Das fünfte Jahr in Folge. Immer im Sommer. Der Vermieter sagt, es gab ein Problem mit Mr. Whites Kreditkarte, aber da er ihn so gut kennt, hat er sich darauf eingelassen, dass White erst am Ende des Urlaubs bezahlt ohne vorherige Kartenabsicherung.«

»Wo leben die Whites?«

»In der Nähe von Sheffield. Mr. White betreibt dort ein Café.«

»Was sagen andere Gäste über die Familie? Falls es da Kontakte gibt?« Es war wichtig, sich ein Bild zu machen, aber Caleb wusste auch, dass er rasch irgendetwas unternehmen musste. Jemand schoss in der Wohnung. Es gab dort zwei kleine Kinder.

»Es gab wohl nicht viel Kontakt mit ihnen, aber nach bisherigen Zeugenaussagen fielen sie jedenfalls nicht unangenehm auf. Eine ruhige Familie. Höflich und sehr zurückhaltend. So beschreibt sie auch der Vermieter.«

»Sie sagten, mit der Kreditkarte von Mr. White stimmte etwas nicht?«, mischte sich Robert Stewart ein.

Der Beamte zögerte. »Nicht direkt. Der Vermieter berichtete, dass in den Jahren davor immer die Kreditkarte hinterlegt worden sei, dass Mr. White jedoch diesmal sagte, es gebe da ein Problem. Welcher Art dieses Problem war, erläuterte er nicht näher. Er werde zum Ende der Ferien in bar bezahlen. Da es nie Schwierigkeiten mit ihm gegeben hatte, ließ sich der Vermieter darauf ein.«

»Ich würde den Vermieter gerne selbst sprechen«, sagte Caleb.

»Er muss hier noch irgendwo herumschwirren«, meinte der Beamte vage, und Caleb verbiss sich den Hinweis, dass es sinnvoll gewesen wäre, den Mann festzuhalten.

»Gibt es eine Möglichkeit, Kontakt mit Mr. White aufzunehmen?«, fragte Robert. »Oder mit seiner Frau?«

Der Beamte hob resigniert die Schultern. »Es gibt einen Festnetzanschluss in dem Appartement. Wir haben mehrfach durchklingeln lassen, aber niemand meldet sich.«

»Wie sicher ist es denn, dass überhaupt jemand in der Wohnung ist?«, erkundigte sich Caleb. Es war so absolut still dort oben. Der ganze Auflauf hier von Polizeieinsatzkräften – am Ende nur, um eine leere Wohnung zu beobachten, deren Bewohner irgendwo schwimmen gegangen waren.

»Zwei Schüsse«, sagte der Beamte. »Das haben wirklich mehrere Hausbewohner unabhängig voneinander ausgesagt. Sie werden definitiv dem dritten Stock zugeordnet. Die Wohnung der Whites war die einzige, in der niemand öffnete. Alle anderen Wohnungen wurden evakuiert und von uns gesichert. Wenn dort oben geschossen wurde, kann es nur dort gewesen sein.«

»Hm«, machte Caleb. Er wusste, dass man sich manchmal vertat, was die Zuordnung von Geräuschen anging. Wieder blickte er angestrengt nach oben, als könnten die glatte Fassade und der schweigende Balkon ihm irgendwelche Erkenntnisse bringen. Was ging hinter jenen gut verschlossenen Jalousien vor sich?

»Sir«, sagte Robert Stewart, »was tun wir als Nächstes?«

Caleb wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er fand es entsetzlich heiß, und es gab hier unten auf der Promenade keinerlei Schatten. Sehnsüchtig blickte er hinüber zu den Sonnenschirmen vor einer Bar am Ende der Häuserzeile. Er wünschte, das ganze Drama würde sich dort zutragen, dann hätten sie alle den Schatten aufsuchen können. Allerdings hatte er nicht den Eindruck, dass irgendjemand so stark schwitzte wie er. Robert Stewart wirkte beneidenswert kühl und ungerührt, obwohl er einen dunkelgrauen Anzug und eine förmliche Krawatte trug. Caleb hatte sein Jackett längst abgelegt und zerfloss trotzdem. Er hätte den Whisky nicht trinken sollen, heute früh um neun Uhr, als er am Schreibtisch gesessen und irgendwann an nichts anderes mehr als an die Flasche im gut verschlossenen Fach rechts unten hatte denken können. Bei der Hitze … Generell sollte man allerdings wohl nicht morgens um neun den ersten Whisky des Tages zu sich nehmen. Er hoffte, dass Robert nichts roch. Er stand so dicht neben ihm.

Ein weiterer Beamter trat heran, streckte Caleb einen Zettel hin. »Sir, ein junges Mädchen, die Tochter des Betreibers vom Eissalon, hat die Handynummer von Mrs. White. Sie hat in der letzten Woche einmal auf die Kinder aufgepasst, als die Whites abends noch etwas trinken gingen. Sie erwähnte, dass sie das vereinbarte Geld nicht bekommen habe. Mrs. White habe gerade kein Bargeld gehabt, ihr jedoch zugesagt, sie am nächsten Tag zu bezahlen. Das sei bisher nicht geschehen.«

»Ein Problem mit der Kreditkarte, kein Geld für das Kindermädchen«, sagte Robert. »Seltsame Häufung, oder? Geldprobleme bei den Whites?«

»Könnte sein«, meinte Caleb. Das alles klang nicht gut. Leider waren es häufig finanzielle Schwierigkeiten, die Männer, und gerade auch Familienväter, völlig durchdrehen ließen. Er griff den Zettel. »Ich versuche es mal.«

Er holte sein Handy hervor, tippte die Nummer ein. Stellte auf Lautsprecher, damit Robert das Gespräch ebenfalls hörte. Täuschte er sich, oder betrachtete ihn sein Mitarbeiter tatsächlich irgendwie lauernd?

Nicht der Moment, darüber nachzudenken, entschied er.

Es dauerte so lange, dass er schon fast aufgegeben hätte, aber dann meldete sich plötzlich ein zittriges Stimmchen. »Ja?«

»Mrs. White?«

»Ja.« Es klang wie ein Hauchen.

»Mrs. White, hier spricht Detective Chief Inspector Caleb Hale vom CID Scarborough. Befinden Sie sich im Moment in einem Ferienappartement der Scarborough Beach Chalets am Peasholm Gap?«

»Ja.«

»Ihre beiden Kinder auch?«

»Ja.«

»Und Ihr Mann?«

Von Yasmin White kam ein ersticktes Schluchzen. »Er … ist auch hier …«

»Mrs. White, werden Sie und die Kinder bedroht?«

»Ja.«

»Ist Ihr Mann bewaffnet?«

»Ja.«

Caleb wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. Er wünschte, Sergeant Helen Bennett, die eine Zusatzausbildung als...