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Der Tanz mit den Monstern - Wie man gut durch Krisen kommt - Was Unternehmen von Darwins Evolutionstheorie lernen können

Der Tanz mit den Monstern - Wie man gut durch Krisen kommt - Was Unternehmen von Darwins Evolutionstheorie lernen können

Christian Rammel

 

Verlag Redline Verlag, 2024

ISBN 9783962675592 , 208 Seiten

Format ePUB

Kopierschutz Wasserzeichen

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18,99 EUR

Für Firmen: Nutzung über Internet und Intranet (ab 2 Exemplaren) freigegeben

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Der Tanz mit den Monstern - Wie man gut durch Krisen kommt - Was Unternehmen von Darwins Evolutionstheorie lernen können


 

Vorwort:
Die eine oder andere Reise

Ich habe schon einige Dinge in meinem Leben gemacht - das Schreiben eines Buchs gehörte bis vor Kurzem noch nicht dazu. Wenn ich heute versuche, den roten Faden meines Lebens aufzuspüren, und diesen dann vorsichtig in die Hand nehme, merke ich, dass er sich seit Jahren an der diffusen Grenze zwischen Wissenschaft und Business schlängelt. Am Anfang gab es nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen dem, was ich auf beiden Seiten dieser Grenze tat, außer vielleicht, dass ich anscheinend ein ungesundes Faible dafür hatte, unter glühend heißer Sonne wirklich ins Schwitzen zu kommen. Bei biologischen Forschungsreisen in der afrikanischen Savanne ist es nämlich genauso heiß wie im Irak oder Syrien, vor allem wenn du als junger Entrepreneur vom Vorhaben beseelt bist, die Wüsten zu bewässern.

Wenn ich aber genauer darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass, abgesehen vom ständigen Sonnenbrand, doch noch eine weitere Gemeinsamkeit existiert: meine Faszination für die Fähigkeit, gut mit Veränderungen umgehen zu können, oder, kurz gesagt, für die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung. Sustainability definiere ich damals wie heute insbesondere über das Potenzial, sich trotz Überraschungen und Veränderungen erfolgreich weiterzuentwickeln - und zwar wirklich langfristig. Und dieses Potenzial sollte eigentlich einen kontinuierlichen Lernprozess widerspiegeln, wobei es mir sehr recht wäre, wenn die Impulse zum Lernen nicht unbedingt erst durch Katastrophen oder das eine oder andere unschöne Desaster angestoßen werden. Egal welches Start-up ich je gründete, egal welche wissenschaftliche Studie mich nächtelang wachhielt, es ging in der einen oder anderen Form immer wieder um Sustainability und Change. Und obwohl ich in meinen beiden unterschiedlichen Arbeitsbereichen so offenkundig dieselben Themen behandelte, gelang mir tatsächlich jahrelang das Kunststück, die Gemeinsamkeiten schlichtweg zu ignorieren.

Im Nachhinein betrachtet erscheint der Hauptgrund für diese nahezu schizophrene Trennung meiner beiden Arbeitswelten höchst simpel und banal: Ich hatte als Student schlechte Lehrer und Lehrerinnen! Aber das traue ich mich erst heute zu sagen, nachdem ich selbst seit Jahren Studierende unterrichte. Will man schon Steine werfen, sollte man das fairerweise immer im eigenen Glashaus tun. Nein, ich gestehe, die meisten der Vortragenden waren sogar ziemlich gut. Einigen wenigen würde ich selbst heute noch fast die schlammverschmierten Stiefel küssen (Biologen laufen selten mit sauberem oder gar leichtem Schuhwerk herum). Warum? Aus Dankbarkeit, weil sie mir geholfen haben, in die bunte Welt von Charles Darwin einzutauchen. Dagegen waren einige wenige allerdings wirklich übel. Nicht fachlich, ganz und gar nicht. Aber sie waren beseelt davon, die Grenze zwischen Biologie und menschlicher Gesellschaft möglichst unüberwindbar darzustellen und am besten noch mit Stacheldraht abzusichern.

Ich bin mir heute auch gar nicht mehr sicher, ob ihr eigentliches Problem die Angst davor war, als biologistische Sozialdarwinisten angesehen und in der Folge geteert und gefedert zu werden, oder ob es schlichtweg ihr heimlicher Egoismus war, die evolutionäre Spielwiese mit niemandem anderen teilen zu wollen. Was auch immer dahintersteckte, es führte schließlich dazu, dass ich der Biologie den Rücken kehrte. Ich studierte wieder und wurde ein paar Jahre später Professor an einer Business School. Mit ein Grund für meinen damaligen Wechsel war sicher auch, dass ich die Welt ein bisschen besser machen wollte. Ich traue mich jetzt, frech und ohne wissenschaftlichen Beweis, folgende These aufzustellen: In einem Raum mit 100 zufällig ausgewählten Entscheidungsträgern befinden sich zumindest 75 Wirtschaftler, aber maximal ein Biologe, und der hat sich wahrscheinlich auf der Suche nach der Bar oder dem Garten in der Tür geirrt. Nicht dass die in Biologie und Evolution geschulten Geister mit Entscheidungen in den komplexen Sphären sozioökonomischer Interaktion überfordert wären. Zumindest nicht viel mehr als ein Jurist oder eine Betriebswirtin. Ein wenig provokant könnte ich jetzt anführen, dass sie wahrscheinlich sogar weitaus besser dafür ausgebildet wurden, sich in einer hochkomplexen Welt zurechtzufinden, als all die Heerscharen an MBAs mit ihrem ewig gleichen Mantra von einfachen Kausalitäten zwischen Angebot und Nachfrage.

Ich wollte also etwas bewegen, und das sollte nicht auf Blümchen und Bienchen begrenzt sein. Es ist auch erstaunlich, wie viel mehr Menschen einem Wirtschaftsprofessor zuhören als einem Biologen, selbst wenn dieselben Worte gesprochen werden und in meinem Fall sogar vom selben Menschen. Mein Sprung ins kalte Wasser der Wirtschaft verursachte jenes frische Prickeln, das ich mir erhofft hatte. Ich konnte mich wildentschlossen meiner Faszination für Sustainability und Change widmen - und dabei gleichzeitig versuchen, an einer besseren Welt zu basteln. Anfangs war ich auch begeistert von all den Möglichkeiten, die sich plötzlich so freundlich lächelnd vor mir auftaten: von der Leitung einer Start-up-Akademie bis hin zur Entwicklung neuer Studienprogramme. Schon als Biologe hatte ich zur Genüge mit der brutalen Eleganz ökonomischer Maximierung und engstirniger Verwertung zu tun gehabt. Daher suchte ich bereits am ersten Tag an der Business School nach alternativen Ansätzen, nach den kritischen Köpfen und den subversiv Querdenkenden meiner neuen wissenschaftlichen Heimat. Und ich fand sie natürlich auch. Jede Disziplin hat ihren Zirkus, ihre eigene Freakshow der geistigen Monstrosität. Im Laufe der Zeit entkommt auch immer wieder einer dieser Freaks und findet sich plötzlich ziemlich sprachlos in der Reihe ehrwürdiger Nobelpreisträger und Nobelpreisträgerinnen wieder. Wenn wir schon einige Kapitel weiter wären, könnte ich jetzt salopp den Begriff Hopeful Monsters einwerfen, aber dazu kommen wir später.

Ich wühlte mich also durch die Alternativen wirtschaftlichen Denkens und hatte auch schon bald einen brauchbaren Bauchladen voll kritischer Methoden und Ansätze, mit denen ich auszog, um mich den Herausforderungen einer Welt voller Überraschungen, Krisen und Ungerechtigkeiten zu stellen. Eines der schönsten Gefühle, wenn man Neuland betritt - und meine neue wissenschaftliche Reise führte mich wirklich durch ein Terra incognita -, ist dieses Gefühl, neu beginnen zu können. Es ist diese wunderbare und befreiende Nulllinie eines Neuanfangs. Diese unbeschwerte Freude des ersten Atemzugs, nachdem der Rucksack vergangener Mühen und Fehler von den Schultern rutscht. Kurz gesagt, es war ein gutes Gefühl - und trotzdem war da ein kleines Quäntchen Unzufriedenheit, das sich langsam seinen Weg an die Oberfläche meines Bewusstseins bahnte und sich dort ausbreitete. Über die Jahre hinweg dehnte sich diese Unzufriedenheit in mir immer weiter aus, und die Begeisterung für die glitzernden Dinge in meinem neuen Bauchladen nahm stetig ab. Irgendetwas bohrte in mir, aber ich hatte keine Ahnung, was.

Heute weiß ich, dass ich es eigentlich gar nicht wissen wollte, weil ich Angst hatte, dann die Konsequenz ziehen zu müssen. Aber bald darauf kam ein Vortrag, der alles ändern sollte. Nein, nicht mein eigener. Es war der Vortrag eines genialen Physikers, den ich mehr oder weniger zufällig hörte - und jetzt kommt eine kurze nervöse Kunstpause, denn natürlich sollte hier der Name dieses Mannes stehen, der nichts Geringeres vollbrachte, als noch einmal mein ganzes wissenschaftliches Gedankengebäude auf den Kopf zu stellen und dabei en passant meine Unzufriedenheit vor die Tür setzte. Aber es hilft nichts, zu meiner Schande habe ich seinen Namen komplett vergessen. Doch was ich bis heute nicht vergessen kann, sind diese zwei besonderen Sätze: Es ist ein purer Zufall der Geschichte, dass Charles Darwin die Kernelemente evolutionärer Prozesse als erster in der Biologie entdeckt hat. Mit ein wenig Glück hätten andere Wissenschaftler in Disziplinen wie der Physik, der Soziologie, der Linguistik, der Kulturwissenschaften oder der Wirtschaftswissenschaften diese Phänomene auch in ihren eigenen Disziplinen finden und erforschen können.

Wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke, spüre und höre ich immer noch dieses leichte Pochen in meinem Kopf, das ich vernommen habe, als sich damals die beiden Sätze langsam ihren Weg in mein Bewusstsein bahnten und damit das geistige Ausmisten starteten. Ohne mich jetzt in der Beschreibung der intensiven Tage und Wochen nach dem Vortrag des »namenlosen« Physikers zu verlieren, komme ich gleich auf das Wesentlichste: Ich hatte sie endlich gefunden, und zu meinem Erstaunen merkte ich, dass sie immer schon da gewesen war - die Brücke zwischen meinem wissenschaftlichen Ursprung, der Evolutionstheorie, und meinem Interesse am mysteriösen Verhalten von Märkten, Unternehmen und großen Institutionen im Angesicht unliebsamer Veränderungen und Krisen. Ich begriff schlagartig, dass ich schon seit Jahren einen mächtigen Hebel hatte, um der Welt die Antworten auf einige der für mich entscheidendsten Fragen zu entreißen. Was sichert in einer komplexen Welt langfristig Überleben und Weiterentwicklung? Welche Strukturen und Prozesse muss ich unterstützen, um erfolgreich mit radikaler Veränderung oder unvorhersehbaren Krisen umzugehen? Wie plane und entscheide ich angesichts von Unsicherheit und Überraschung? All diese Fragen sind für eine Population australischer Fetzenfische genauso elementar wie für eine kleine mexikanische Sombreromanufaktur oder für den Onlineriesen Google. Obwohl ich davon ausgehe, dass sie sich wahrscheinlich selbst diese Fragen nie stellen, und zwar keiner von den dreien.

Ein Jahr später war das Ausmisten und Neustrukturieren in meinem Kopf abgeschlossen. Eigentlich war mir...