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Gespräche

Gespräche

Konfuzius

 

Verlag Verlag C.H.Beck, 2023

ISBN 9783406797354 , 816 Seiten

Format ePUB

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Gespräche


 

1. WARUM EINE NEUE ÜBERSETZUNG DER GESPRÄCHE DES KONFUZIUS?


Konfuzius-Sprüche sind Legion. Sei es im Journalismus, sei es in politischen Sonntagsreden oder in christlichen Predigten: Der chinesische Philosoph wird in der deutschsprachigen Öffentlichkeit gerne zur Bestätigung der Richtigkeit eigener Auffassungen herangezogen. Dabei spielt es zumeist keine Rolle, ob die Sprüche historisch belegbar sind. In der großen Mehrzahl sind sie frei erfunden oder durch freie Wiedergabe bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet, so dass man sie in China nicht wiedererkennen würde. Aber auch in der traditionellen chinesischen Literatur sind viel mehr Worte des Konfuzius überliefert, als in den Gesprächen des Konfuzius (Lunyu) zu finden sind. Diese sind allerdings die wichtigste Quelle zu den Gedanken des Konfuzius, und sie sind einer der am häufigsten aus dem Chinesischen übersetzten Texte, die es gibt. Wahrscheinlich wird die Anzahl ihrer Übersetzungen nur noch von denen des Daode jing übertroffen, der dem Laozi zugeschriebenen «Schrift von rechtem Weg und charismatischer Persönlichkeit».[1] Zum ersten Mal in einer europäischen Sprache gedruckt wurde das Lunyu im Jahr 1687, als Philippe Couplet (1623–1693) auf der Grundlage der Arbeiten von Zeitgenossen, vor allem Prospero Intorcetta (1625–1696), in Paris den Band Confucius Sinarum Philosophus, sive Scientia Sinensis latine exposita (Konfuzius, Philosoph der Chinesen, oder die chinesische Wissenschaft, dargestellt in lateinischer Sprache) herausgab, in dem eine vollständige Übersetzung des Lunyu ins Lateinische enthalten war. Den Titel Lunyu übersetzte Couplet als Ratiocinantium Sermones, Gespräche von Philosophen oder «vernünftig Debattierenden». Franciscus Noel ließ im Jahr 1711 in Prag die Sinensis Imperii Libri Classici Sex drucken, in deren drittem Buch eine vollständige Übersetzung des Lunyu unter dem Titel Sententiarum Liber (Buch der Sprüche) enthalten ist.[2]

Was der Titel Lunyu im Chinesischen wirklich bedeutet, ist unklar. Lùn bedeutet «erörtern», es ist jedoch wahrscheinlich, dass eigentlich das etwas anders geschriebene, aber fast gleichlautende Zeichen lún gemeint ist, das «sammeln» bedeutet. Yu (gesprochen: ) wiederum heißt «sprechen», «diskutieren», «Sprache», «Wort» oder «Spruch». Oft ist wohl auch «Unterweisung» gemeint, doch ginge mit dieser Übersetzung eine zu starke Bedeutungsverengung einher, auch wenn man oft den Eindruck hat, dass Konfuzius an den wenigen Stellen, an denen im Lunyu das Wort yu verwendet wird, eher unterweist, als dass er sich einfach unterhält. Im Lunyu finden sich sowohl Sprüche des Konfuzius als auch Gespräche des Konfuzius mit seinen Schülern, zum Teil auch Sprüche von anderen über ihn. Beide Übersetzungen, «Gesammelte Gespräche» und «Gesammelte Sprüche», sind also von der Wortbedeutung her möglich. Die vorliegende Übersetzung hält an dem im Deutschen seit Richard Wilhelm eingebürgerten Gespräche des Konfuzius als Titel fest, obgleich dieser nicht ganz genau wiedergibt, was das Chinesische bedeutet.

Auch wenn auf der Basis der beiden lateinischen Übersetzungen im achtzehnten Jahrhundert Zusammenfassungen und Übersetzungen in andere Sprachen wie das Französische entstanden, sah doch erst das neunzehnte Jahrhundert die Notwendigkeit, das Lunyu in die europäischen Nationalsprachen zu übertragen. 1809 erschien in der Mission Press zu Serampore in Bengalen unter dem Titel The Works of Confucius, Containing the Original Text with a Translation die erste englische Übersetzung von Joshua Marshman (1768–1837), an die sich auch der Berliner Altaist und Sinologe Wilhelm Schott (1802–1889) anlehnte, als er das Lunyu 1826 erstmals in Halle auf Deutsch veröffentlichte. Beide Übersetzungen waren Voraussetzungen für die wesentlich einflussreicheren Nachfolgewerke von James Legge (1815–1897) im Englischen und Richard Wilhelm (1873–1930) im Deutschen. Legge lebte von 1843 bis 1873 in Hongkong und begann dort, die kanonischen Schriften der Chinesen zu übersetzen. 1861 kam seine Übersetzung des Lunyu heraus, der er den Titel Confucian Analects gab. Er legte also den Schwerpunkt auf die erste der beiden chinesischen Silben, nämlich lún, «sammeln». Darin sind ihm fast alle späteren Übersetzer im angelsächsischen Raum gefolgt. Wilhelm hingegen schloss sich mit seiner im Deutschen klassisch gewordenen Übersetzung der Gespräche dem französischen Jesuiten Séraphin Couvreur (1835–1919) an, der sich für Entretiens de Confucius et de ses disciples und damit für die zweite Silbe yu entschied.[3] Während im englischsprachigen Raum in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auf Legge mehrere weitere Übersetzungen folgten, die alle den Titel Analects wahrten,[4] blieben in Deutschland und Frankreich diejenigen Wilhelms und Couvreurs bis weit in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Standard.

Seit der Wende von den siebziger zu den achtziger Jahren allerdings ist es zu einer wahren Proliferation neuer Lunyu-Übersetzungen gekommen. Auf Englisch erschienen noch vor der Jahrtausendwende in kurzer Folge nacheinander mindestens sechs neue Übersetzungen, im neuen Jahrtausend mindestens sechs weitere. Auf Französisch kamen beginnend mit dem Jahr 1981 sieben neue sinologische Übersetzungen hinzu, fast alle unter dem Titel Entretiens, eine ähnliche Anzahl auf Italienisch, zumeist unter dem Titel Dialoghi.[5] Ins Deutsche ist das Lunyu mit den 1953 und 1954 erschienenen Übersetzungen von Hans Otto Stange und Haymo Kremsmayer sowie den 1983 und 1985 neu hinzugekommenen Fassungen von Ernst Schwarz und Ralf Moritz insgesamt sechsmal in wissenschaftlicher Form übersetzt worden – und damit gemessen an den europäischen Nachbarsprachen verhältnismäßig selten.[6] In ähnlichem Maß wie die Übersetzungsliteratur ist auch die Forschung zum Lunyu gewachsen. Zahlreiche Aufsätze sind zu seiner Entstehungsgeschichte verfasst worden, jede philosophische Äußerung des Konfuzius scheint mehrfach gedeutet worden zu sein, sogar ein Dao Companion to the Analects[7] verspricht, den Leser an die Hand zu nehmen und sicher durch den Text zu geleiten.[8]

Warum also sollte es notwendig sein, sich an einer neuen Übersetzung zu versuchen? Grund ist, dass die neuen Übersetzungen fast ausnahmslos wissenschaftlich keine wirklich neuen Erkenntnisse liefern. Vielmehr spiegeln sie die persönlichen Vorlieben der Übersetzer bei der Wiedergabe der schwierigen Begrifflichkeiten des Altchinesischen und uneindeutiger Sätze wider, die aber selten durch eine wissenschaftliche Argumentation abgesichert sind. Überdies zeichnen sich die neuen Übersetzungen generell durch Kürze aus. Das ist eigentlich eine Tugend, doch im Fall eines so häufig übersetzten Textes wie des Lunyu wären genauere Begründungen für Übersetzungsentscheidungen eben doch angebracht.

Die Selbstverständlichkeit, mit der viele moderne Übersetzer über die Notwendigkeit hinweggegangen sind darzulegen, warum ihre Neuübersetzung noch erforderlich sein soll, hat manch berechtigten Spott auf sich gezogen.[9] Tatsächlich sind von den vielen Übersetzungen nur sehr wenige hervorzuheben, weil sie über das hinausgehen, was wissenschaftlicher Mindestanspruch ist. Henry Rosemont und Roger Ames heben in ihrer 1999 erschienenen «philosophischen Übersetzung» hervor, dass sie mit Mitteln der Archäologie geborgene Texte berücksichtigt hätten. Diese haben allerdings am Ende nur wenig Einfluss auf den Inhalt der Übersetzung gehabt. Wichtiger ist die Tatsache, dass Rosemont und Ames versucht haben, sich von der traditionellen europäischen Terminologie zu lösen, die subtil davon beeinflusst ist, dass die Übersetzer bis zum Zweiten Weltkrieg fast durchweg christliche Missionare gewesen sind. Ansonsten bleibt ihre Übersetzung jedoch traditionell, einen Versuch, die Schwierigkeiten des Textes sichtbar...